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Bildungsgap

Ein schneller, langer Weg nach unten.

Maren Zaidan, 29. September 2022 12:00 Uhr

Werden die Kinder dĂĽmmer?

Laut Landesstatistikbehörde hat in NRW im Schuljahr 2021/22 jedes 13. Kind einen sonderpädagogischen Förderanspruch. Ein Anstieg in diesem Bereich ist bundesweit zu verzeichnen. Gleichzeitig sinken seit 2007 die Ansprüche an das Abitur. Die Zahl der Studenten steigt seit der Zeit, als die heutigen Renteneinsteiger studiert haben.

Das Bildungsniveau in Deutschland sinkt also. Im Moment drohen obendrein auch noch Schulschließungen, weil nicht genug Lehrer zur Verfügung stehen. Gleichzeitig hat man Angst vor Corona und diskutiert, ob man Schulen zum Schutz der vorhandenen Lehrer nicht eh schließen soll. Die letzten Abiturjahrgänge sind von Ängsten und Depressionen geplagt. Sie glauben selbst daran, dass sie zukünftigen Anforderungen gewachsen sind. Bei den jüngeren Schülern sind Defizite in vielen Bereichen bekannt. Wir kennen es als Erwachsene auch, wenn man etwas länger nicht gemacht hat, muss man es neu lernen. So ging es den Erstklässlern auch. Schreiben geht eben nicht von Anfang an wie von selbst!

Die Pisa-Studien sagen es schon längst, dass Deutschland ein Bildungsproblem hat. Nun kann man wie Richard David Precht kritisieren, dass Pisa sich zu sehr auf die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer konzentriert, doch kann es heute noch bedeutende Innovationen ohne Ingenieure und Naturwissenschaftler geben? Doch wie im letzten Abschnitt angemerkt: Nachdem man zwei Jahrzehnte lang die Schüler als dumm abgestempelt hat und sich gefreut hat, wenn man älter war ohne dabei zu merken, dass es damals einfach noch keine Pisa-Studien gab, hat man nun den Schreck durch Bildungsabbau verdrängt! Vielleicht trägt selbst der Umgang mit Pisa auch zum Lehrermangel bei. Meine Jahrgänge wurden von alten Lehrern als dumm und hoffnungslos verspottet. Am Ende meiner Schulkarriere schaute dann ein älterer Lehrer mit uns einen Film für die fünfte Klasse. Er wollte wissen, ob wir ihn als für das Alter geeignet finden. Ihn verstörten die neuen Lehrmaterialien. Uns auch! Die jungen Lehrer spielten in der Oberstufe mit uns Lernspiele, die einen fragen ließen, ob man in den Kindergarten zurückversetzt wurde. Wer möchte dann noch selbst Lehrer werden?

Die ersten Kinder, die regelmäßig und zwangsweise hinsichtlich ihrer Entwicklung getestet wurden, sind inzwischen junge Erwachsene. Auch hier zeigt sich ein Abwärtstrend. Tests bringen eben keine Besserung und eine Stunde in der Woche beim Therapeuten ersetzen keine engagierten Eltern, Großeltern und andere fördernde Bezugspersonen! Unsere Gesellschaft ist so eitel und narzisstisch geworden, dass man etwas unterlässt, wenn es nicht perfekt ist. Wenn die Eltern keine Opernsänger sind, keine Bilder in der Galerie haben und nie bei Olympia waren, lässt man das mit dem Singen, Malen, Basteln, um die Wette laufen und Klettern lieber. Oder? Das Kind wird bei den Genen eh nichts besonderes. Nur ohne die schrägen Töne von Mama, die schiefen Striche von Papa und dem Fußballspiel mit Opa, wird das Kind keine guten Chancen haben. Dafür gibt es dann die Übermotivierten. Doch ist es gesund, mit 5 Jahren an Stresssymptomen zu leiden, weil keine Zeit mehr zum Spielen ist?

Es gehen nun in Deutschland mehr Kinder in den Kindergarten. Diese schreiben Entwicklungsbeurteilungen. Doch das Konzept vieler Kindergärten ist so chaotisch, dass man sich fragt, ob die Erzieher überhaupt wissen können über welches Kind sie schreiben. Die Erziehungstaktik nach dem Prinzip “Wenn du nicht willst, mach etwas anderes!” fördert eben auch nur das Kind im Hüpfen, das eh gern und gut hüpft. Das andere nutzt in der Zeit frustriert die Kuschelecke!

Damit wir uns diesen Fragen nicht stellen müssen, geht die Entwicklungsforschung eigene Wege. Wenn die Kinder etwas nicht mehr in einem bestimmten Alter können, setzt man einfach regelmäßig das Niveau herunter. Hier kommen wir zurück zur Mathematik: “Gibt es mehr Mädchen oder mehr Kinder?” Wer diese Frage noch nicht sicher beantworten kann, hat keine guten Chancen in der Mengenlehre. Wer nicht auf einem Bein hüpfen kann, kann die Urkunde auf dem Sportfest vergessen! Doch in welchem Alter wird man dann in Zukunft unabhängig von den Eltern?

Um Maßstäbe geht es am Ende auch bei der Anzahl der Studierenden und Kindern mit Sonderschulniveau. Wird hier an einer Stelle zu wenig verlangt und an anderer zu viel? Wurden die Kinder erst intelligenter und nun dümmer? Auch hier sind wir zum Teil wieder bei der Pandemie. Die Amtsärzte haben zur Sicherheit Einschulungsuntersuchungen entfallen lassen. Jetzt stellt man fest, dass viele Kinder in normalen Grundschulen normalerweise zurückgestellt worden wären oder in eine Sonderschule eingeschult werden müssen. Was das nicht mitkommen oder Herunterstufen nach den ersten Schuljahren wohl mit dem Selbstwert der entsprechenden Kinder machen wird?

Wenn alles fair ist, hat sich ein Bildungsgap aufgetan. Dann gibt es heute und in Zukunft viele sehr intelligente, hochgebildete Menschen und viele, denen es schwerfällt, in einer komplexen Welt klarzukommen. Mir fällt dazu immer ein, dass der Bäcker nicht ohne den Arzt kann, aber der Arzt sich auch nicht mehr auf höhere Dinge konzentrieren kann, wenn er seine Brötchen selbst backen muss. Bei der aktuellen Situation muss man in dieses Bild eine dritte Ebene einfügen. Das Problem dabei ist nur, dass wir schon heute viele sehr einfache Berufe nicht mehr haben. Noch mehr Berufe werden überflüssig, weil sie von KI’s übernommen werden. Die untere Ebene der Berufe entfällt also, während die Zielgruppe dafür anwächst. Die mittlere Ebene findet keine Passung mehr. Die einen können nicht und die anderen wollen auch eine entsprechende Beschäftigung mit entsprechender Entlohnung für ihren Bildungsaufwand und ihr Niveau. Beachtet man nun noch die Pisa-Ergebnisse und die Ergebnisse über die Abiturienten, wird es noch frustrierender. Menschen brauchen einen für sie angemessenen Anspruch. Wird jemand überfordert oder unterfordert, hat das keine positiven Folgen. Burnouts, Boreouts, Depression, Kriminalität und anderes sind die Folgen. Innovation im Land wäre dann auch Vergangenheit. Und wie will eine solche Generation die nächste fördern?

Was soll der Grund dafür sein, dass Kinder dümmer werden? Glaubt man gewissen Gruppen, haben die heutigen Produkte etwas damit zu tun. Doch warum halten wir dann an ihnen fest? Wird einfach die falsche Förderung betrieben? Ist Förderung, wie die OECD kritisiert, in Deutschland zu sehr abhängig vom Portemonnaie und der Motivation der Eltern? Hatten frühere Elterngenerationen mehr Motivation, dass aus ihren Kindern etwas wird? Wenn ja, warum?

Wie soll also die Zukunft aussehen? Findet Deutschland sich damit ab, von einem modernen, innovativen Land mit hohem Bildungsniveau immer weiter abzusteigen? Ich sehe dabei immer wieder den Kindergarten vor mir, der seit Jahren in Containern untergebracht ist und in einem schlechteren Stadtteil steht. All die Förderungen nützen nichts, wenn sie lieblos umgesetzt werden. Wie soll mit den Verteilungen umgegangen werden? Ein Land mit vielen alten Menschen und wenigen jungen? Die intelligenten jungen haben dann mit ihrer eigenen Generation zu tun, weil diese allein nicht klarkommt? Was wird dann aus ihren Kindern und was wird aus der pflegebedürftigen Generation? Wer hält die komplexen Systeme gleichzeitig am Laufen?


Maren Zaidan
Bundesvorsitzende
DIE FĂ–DERALEN



Quellen:
https://reitschuster.de/post/enthemmte-corona-politik-lebenszufriedenheit-von-abiturienten-wie-in-kriegsgebieten/
https://www.news4teachers.de/2022/09/trotz-oder-wegen-inklusion-schon-jeder-13-schueler-in-nrw-hat-sonderpaedagogischen-foerderbedarf/
https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-krise-einschulungsuntersuchungen-fallen-wegen-epidemie-vielerorts-aus-a-3b479c71-5540-4c5a-ace7-5c3d7ba21ffe
https://www.echo-online.de/lokales/kreis-gross-gerau/kreis-gross-gerau/mehr-auffalligkeiten-bei-einschulungstests-wegen-corona_24876116
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8553103/
https://www.spiegel.de/panorama/bildung/amtsaerzte-warnen-vor-entwicklungsdefiziten-bei-erstklaesslern-a-26000a1e-bbd0-4f0a-9af6-02bf2fea2a19
Richard David Precht. (2014). Anna, Gott und die liebe Schule. Der Hörverlag.