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Milgram und die Praxis

Gehorsamkeit und Rebellion im Alltag und der Bewegung

Maren Zaidan, 11. Oktober 2022 04:00 Uhr

Also doch pauschale Gehorsamkeit?

Ich praktiziere jetzt aktives, bedingungsloses Mitmachen! Ein Leser meines Artikels Milgram und die Gehorsamkeit könnte dies als Provokation oder weil er den Text nicht richtig gelesen hat, in den Raum werfen. Wer würde den Satz unterschreiben?

In dem Artikel ging es unter anderem um die Frage, warum die meisten Menschen moralisch nicht vertretbare Anweisungen befolgen. Die kurze Antwort war, dass die Menschen von Beginn an in sozialen Systemen leben und aufeinander angewiesen sind. Gehorsamkeit ist für uns nicht immer etwas Schlechtes, sondern dient dazu in Gruppen zusammenzuhalten, etwas gemeinsam zu erreichen und für den Einzelnen nicht allein und in Lebensgefahr zu sein.

Wo fängt Rebellion an, wo hört Gehorsamkeit auf?

Um an einfachen Beispielen zu verdeutlichen, worum es geht, möchte ich ein paar Beispiele anführen und später verdeutlichen, warum diese Fragen viel mit Politik und der Corona-Maßnahmen-Kritiker-Bewegung zu tun haben.

In Sportteams gibt es einen Trainer, welcher bestimmt wie gespielt wird. Stell dir vor, jeder Fußballspieler denkt sich eine eigene Strategie aus, denkt sich seinen Teil zu der des Trainers und spielt, wie er will. Fussball hätte eine ganz andere Zielgruppe. Es wäre wahrscheinlich viel lustiger, aber auch ziemlich chaotisch! Wir lernen also, Gehorsamkeit kann wirklich teamfähig machen und dazu führen, dass etwas funktioniert und wir zu den Gewinnern gehören! Hat ein ungehorsamer Fußballspieler schon etwas mit Rebellion zu tun? Gibt es einen wirklich rebellischen Fußballspieler unter dem Argument nicht teamfähig oder kommt er so nicht weit?

Oft spricht man von rebellischen Jugendlichen, die auf keinen Erwachsenen mehr hören und damit auch viel Schwachsinn machen. Das Wort Rebellion ist im kleinen Rahmen hier gesellschaftlich angemessen, wenn vielleicht auch mehr oder weniger mit einem Zwinkern. Familien, in denen alles jedoch so auseinanderdriftet, dass jeder macht was er will, sind dysfunktional. Sie funktionieren nicht mehr und einzelne oder jedes Mitglied leidet. An dieser Stelle kommt dann die Familientherapie, welche auf der Systemtheorie(1) basiert, ins Spiel. Wenn wir einige Techniken dieser betrachten, kommen wir der Frage wieder ein Stück weiter. Hier werden die einzelnen Mitglieder teilweise dazu gebracht, ihre das System störenden Eigenheiten in noch viel stärkerer Form auszuleben. Das ganze passiert so lange, bis das System Familie sich sozusagen selbst zum Explodieren bringt, jeder seinen Teil lernt und dann das Zusammenleben anders gestaltet werden kann. Das hypothetische Szenario aus dem Fußball wird hier bestätigt.

Wir leben aber in verschiedenen Systemen und Beziehungen. Nicht nur die Liebesbeziehung zu unserem Partner ist eine Beziehung, sondern es gibt Beziehungen zu allen Menschen um uns herum. So auch zu unseren Arbeitskollegen. Die Ansätze aus der Familientherapie wurden deshalb für Arbeitsgruppen abgewandelt. Die Fragen hier gehen in die Richtung Wie entscheiden wir? Wer redet mit wem direkt und indirekt? Wie lösen wir Probleme? Menschen sind nicht nur gehorsam, sie bilden auch automatisch Teams und Hierarchien. Jedes Unternehmen hat Ziele, wenn niemand diese Ziele festlegt und auch hier wieder jeder seinen eigenen Weg geht, hält sich der Gewinn wahrscheinlich in Grenzen.

Zurück zum Gesamtsystem: Wie würdest du dich fühlen, wenn du immer stolz deinen eigenen Weg gehst, allen widersprichst, aber niemand mehr da ist? Ständiges Widersprechen führt zu einer geringen Verträglichkeit. Das Verhalten wird wahrscheinlich als aggressiv wahrgenommen. Auf Druck folgt tatsächlich Gegendruck und somit wird das eigene Leben sehr unangenehm. Irgendwann sind alle nur noch genervt, man kann in keiner Gruppe dazu gehören. Ergebnis: Die eigene Familie ist weg, die Freunde sind weg, der Arbeitsplatz ist Geschichte, die Nachbarn gehen einem aus dem Weg und etwas Neues ist nicht in Sicht! Bist du zufrieden mit der Vorstellung?

Um zurück zur Politik zu kommen:

Parteien, Parlamente und ähnliches sind mehr oder weniger Gruppen. Würde jeder gehen, der in einem Punkt nicht mit den anderen übereinstimmt, würden wir nur schwer zu einem funktionierenden Land kommen. Auch Systeme außerhalb der Demokratie basieren auf Hierarchien und Gruppen! Es ist dabei egal, ob eine Hierarchie durch Wahlen, Einstellung von Personen, durch natürliche Merkmale wie Stärke oder Wahrnehmungen (Wer am meisten redet, führt, da er auf die anderen engagiert wirkt.) zustande kommt. Menschen bilden diese Hierarchien und Gruppendynamiken unbewusst und unwillentlich.

In der oben genannten Bewegung ist oft die Rede von Schwarmintelligenz, Basisdemokratie und direkter Demokratie. Interessant daran ist, dass diese Bewegung selbst Gegenbeweise schafft. Zunächst gibt es hier einzelne Menschen, die ganz informal zu Meinungsführern und Autoritäten erhoben wurden. Wer diese Autoritäten in Frage stellt, muss mit viel Gegenwehr und dem Ausschluss rechnen! Rebellion ist also nur in den Punkten angebracht, in denen die anderen auch rebellieren! Wer die Gruppenentwicklungen beobachtet, merkt, dass entweder einer Autorität widerstandslos vertraut wird oder wenn diese anerkannte Autorität nicht da ist, wirklich gegangen wird, sobald etwas nicht im eigenen Sinn ist. Die kleinste Entscheidung wird so hoch aufgeschaukelt, dass sie lebensentscheidend zu sein scheint. Das Ergebnis ist eine Bewegung, die absolut nichts erreicht! Die Verträglichkeit in der Bewegung scheint tatsächlich gering zu sein. Mit welchem Ergebnis? Tausende Splitter. Die Schweiz gilt in Deutschland als politisches Vorbild, doch die Wahlbeteiligung der Menschen liegt unter der in Deutschland.

Fazit?

Gehorsamkeit heißt nicht, dass man den ganzen Tag zu allem Ja! sagt und die eigene Meinung oder die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Gehorsamkeit bringt uns zusammen. Sie führt dazu, dass wir Geld verdienen, sicher leben und uns geliebt fühlen. Wenn es keine Stimmen gäbe, die ab und zu riskieren, aus ihrem System zu fliegen, hätte sich die Menschheit wahrscheinlich schon selbst vernichtet. Rebellion schafft neue Richtungen und eine Unterdrückung von schädlichen Dingen. Weder das eine noch das andere ist das Gute. Wir brauchen beides. Für die Corona-Bewegung wäre es sinnvoll, dies zu lernen. Es mag sinnvoll sein, gegen fragwürdige Entscheidungen zu rebellieren. Damit können wir aber nur etwas erreichen, wenn wir in der Gruppe auch wieder ein Gleichgewicht schaffen. Wir müssen einerseits zusammenhalten und andererseits darüber nachdenken, warum der ein oder andere unter uns manchmal mit Türen knallt, Autoritäten anzweifelt oder etwas möchte, was wir selbst gar nicht gut finden.



Maren Zaidan
Bundesvorsitzende
DIE FÖDERALEN



(1) Systemtheorie in der Familie: Die einzelnen Familienmitglieder beeinflussen gegenseitig durch ihr Verhalten und ihr Handeln das Wohlbefinden und das Verhalten der anderen. Durch die vielfältigen Interaktionen zwischen den einzelnen Mitgliedern entsteht ein komplexes Netz.