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Essstörungen

Die Liste der Corona-Krisen-Opfer füllt sich

Maren Zaidan, 26. Dezember 2020 16:00 Uhr

Ersteinmal verwirrend, aber beim zweiten Blick logisch - Esstörungen in der Krise.

Vor Jahren stieß ich mal auf die Zahl von John Bradshaw, welcher schätzt, dass 96% der Familien in gewisser Weise dysfunktional sind. Diese Zahl ist erschreckend und hat mich nun wieder dazu eingeladen, eine etwas freundlicher klingende Zahl in Statistiken und Studien zu finden. 96% klang für mich selbst nach Angstmache. Leider findet man tatsächlich nicht viele Studien zu dem Thema. Schauen wir also in unser eigenes Umfeld und auf die beliebte Aussage, dass man niemanden etwas über die eigene verrückte Familie erzählen sollte, aber am Ende doch alle im geheimen gleich sind und korrigieren die Zahl in unserem Kopf nach dem eigenen Gefühl oder glauben der Zahl erstmal. Zumindest sind wir dann schon einmal bei den Erklärungen, was eine dysfunktionale Familie ist - man sieht es ihr meist nach außen nicht an! Eines steht jedoch fest, Resilienz, die psychische Widerstandskraft, erlangt man in dysfunktionalen Familien nicht so gut, wie in funktionalen. Menschen mit schwacher Resilienz, gehen nicht gut mit Stress und Problemen um. Das macht sie krank.

Dysfunktionale Familien richten eines an - sie machen ihre Kinder psychisch krank, wenn nicht sogar kriminell. Während der Corona-Krise erleben wir aufgrund der Angst und der Maßnahmen ein weiteres zerbrechen des familiären Halts. An manchen Stellen, fällt auch auf, was in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten schief gelaufen ist. Kleinkinder sind gefährlich, alle unter 50 sind eine Gefahr für Oma und Opa. Papa schließt sich im Schlafzimmer ein, weil er gestern gehustet hat und Mama verzichtet auf den Gute-Nacht-Kuss, weil sie eine Ansteckung nicht provozieren möchte. Zu guter letzt trennt sich Mama von Papa, weil sie sich seit der Zeit im Home Office auf die Nerven gehen.

Gratulation! Wir haben die perfekte Situation für einen Teenager mit Essstörung geschaffen. Ganz unbewusst, könnte man nun aufhören zu essen, denn dann haben die Eltern wieder ein gemeinsames Ziel. Sie fangen vielleicht sich wieder mehr Mühe zu geben und kochen gemeinsam etwas für die Kinder. Stop! Bitte vergessen Sie nicht die Absurdität der heutigen Zeit. Von den Vätern, die sich im Schlafzimmer einschließen, habe ich tatsächlich gehört. Von dem Argument, dass eine psychische Erkrankung, die in den Selbstmord oder auf andere Weise in den Tod führt, nicht so tragisch ist, wie an Corona zu erkranken, leider auch.

Menschen sind sozial und auch unser Essverhalten ist mit Sozialverhalten verbunden. Ausgenommen von gewissen Ausnahmen, wie Sozialphobikern, essen wir in Gesellschaft mehr als allein. Das Phänomen der schlanken Singles, die in einer guten Beziehung (wieder) zunehmen, beruht nicht nur auf der Sicherheit nicht weitersuchen zu müssen.

Kommen wir weg von den erdachten Szenarios. Inzwischen gibt es Studien und verschiedene Leiter von (Kinder- und Jugend-) Psychiatrien, welche von einen Anstieg der an Essstörungen erkrankten oder wieder verstärkt erkrankten berichten. Auch dieses Phänomen setzte nicht sofort ein. Es brauchte etwas Zeit, bis die Grenzen überschritten waren. Die klassischen Therapien unter vier Augen finden oft nicht mehr statt. Die alte Tagesstruktur, die besonders für alle mit psychischen Problemen nötig sind sind verloren gegangen, die sozialen Kontakte wurden stark eingeschränkt. 49% der Patienten berichten von einer Verschlechterung ihres Zustandes in diesem Jahr. 62% haben eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität wahrgenommen. Die Wahrnehmung und Einschätzung des eigenen Körpers hat sich verschlechtert. Das Essverhalten ist mehr vom gesunden Durchschnitt abgewichen. Dabei sprechen wir von einer Studie, die eigentlich nur die Folgen des ersten Lockdowns beinhaltet. Ich gehe von einem weiteren Anstieg aus.

Wir tragen hier leider immer wieder Stück für Stück Folgen der aktuellen Politik und gesellschaftlichen Einstellungen zusammen. Nach jeder Brotkrume fällt uns die nächste vor die Füße. An vielen Stellen ist es jedoch egal, was genau passiert. Wir sollten uns vor Augen führen, was diese Krise mit Menschen macht, doch am wichtigsten ist es, dass wir alle die Augen offen halten und dagegen halten. Gesundheit ist wichtig. Seit diesem Jahr wird dieser Satz größer als zuvor geschrieben, aber alle Krankheiten außer einer vergessen. Achten Sie bitte auf ihre Familie, ihre Freunde, Kollegen, Nachbarn und alle, die sie doch vermissen würden, wenn sie nicht mehr da wären. Klären sie jeden, der noch bereit ist zuzuhören darüber auf, warum es immer noch wichtig ist einfach da zu sein. Fangen Sie doch am besten bei der eigenen Familie an.


Maren Zaidan
Bundesvorsitzende der Partei DIE FÖDERALEN

Quellen:
Schlegl, S., Meule, A., Favreau, M., Vorderholzer, U. (13. Juni 2020). Bulimia nervosa in times of the COVID-19 pandemic—Results from an online survey of former inpatients. Wiley https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/erv.2773 (letzter Zugriff: 26.12.2020)
J.E. Bradshaw (2008). Adult Children of Dysfunctional Families. John Bradshaw Media Group.