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Meinung verboten

Eine eigene Ansicht kommt leider selbst bei den Freigeistern nicht gut an

Maren Zaidan, 23. Juli 2020 07:54 Uhr

Sich wirklich mit der eigenen Meinung gegen etwas stellen und andere akzeptieren

Es gibt viele Menschen und ganze Institutionen, die sich damit rühmen kritisch, frei im Denken, offen für andere Meinungen und anders zu sein. Man liest dementsprechende Aussagen beispielsweise bei Unternehmen, Universitäten und Kultureinrichtungen, aber hört sie auch sehr häufig von Privatpersonen. Eigene Meinungen bilden und andere zu akzeptieren ist eine noble Eigenschaft, jedoch stellt sich mir in letzter Zeit manchmal die Frage, ob es einfach nur schick geworden ist sich in diesen Kreisen einzuordnen.

Menschen haben zu allem eine Meinung. Wenn wir ein Lied im Radio zum ersten Mal hören, mögen wir es mehr oder weniger. Wir haben auf jeden Fall eine Tendenz. Dass wir diese selbst dann haben, wenn es sich so anfühlt, als wäre es egal, merkt man manchmal, wenn einem das falsche Essen zugeschoben wird, nachdem man keine Neigung zur ein oder anderen Speise hatte. Mit der Zeit kann sich die Meinung verstärken oder wir gewöhnen uns an etwas. Die neue Sommermode erscheint im Frühling nicht besonders attraktiv, am Ende des Sommers haben wir neue Lieblingsstücke im Kleiderschrank.

Aber es ist ein langer Weg von dem Musik-, Kleidungs- und Essensgeschmack bis zu politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Meinungen, die dann auch noch ausgereift genug sein müssen, um aus ihnen eventuell Entscheidungen für viele zu ziehen. Zusätzlich von dem Langzeiteffekt in unserem Mögen und Nicht-Mögen, gibt es auch noch den Effekt, dass man unsere Meinung ändern kann, indem man uns gewisse Argumente wiederholen lässt oder sie immer wieder für uns wiederholt. Es ist also auch schwierig eine eigene neutrale Meinung zu behalten.

Das wirklich kritische an den Kritikern ist, sie sehen oft ihre eigenen Grenzen nicht ein. Menschen, die sich selbst als Freigeister, Querdenker und Kritiker bezeichnen, zeigen leider auch oft zwei Phänomene viel zu oft auf. Eine Gruppe von ihnen darf man nicht vor eine Entscheidung stellen. Es gibt leider Menschen, die nur nachreden, was andere kritische Menschen sagen. Wenn diese Menschen gezwungen sind selbst zu handeln, fangen sie an zu schauen, was ihr Umfeld tut. Ich habe in den letzten Monaten leider öfter das Phänomen erlebt, um Handlungsempfehlungen für Situationen gebeten zu werden, die sehr individuell und zur Not mit Bauchgefühl oder Pro-Contra Liste oder ähnlichen Mitteln getroffen werden müssen. Sicher geht ein Teil dieser Unentschlossenheit auf Unsicherheiten oder einen Wunsch sich abzusichern zurück, aber von Menschen, die sich selbst für Denker halten, hätte ich etwas anderes erwartet.

Und dann gibt es noch die Menschen, die sich als sehr tolerant sehen und verkaufen, aber niemand sollte sie mit anderen Ansichten oder Denkweisen konfrontieren. Denn dann wird es heikel. Unter den vermeintlich offenen Mitmenschen gibt es einige, die leider in Wirklichkeit ihre eigene Meinung als besonders durchdacht auserkoren und nicht akzeptieren, dass es Gegenargumente oder einfach andere Sichtweisen gibt. Leider werden diese Menschen schnell aggressiv, beleidigt oder sarkastisch, wenn sie auf anders Denkende treffen.

Beide Phänomene führen sehr schnell zu Streitereien. Speziell wenn gerade die betroffenen Personen angespannt und gestresst sind. In der gerade laufenden Friedens- und Freiheitsbewegung sollten alle willkommen sein, die sehen worum es geht. Egal ob sie von einem anderen überzeugt wurden oder die Schlüsse selbst gezogen haben. Es ist wichtig, dass wir jetzt versuchen, zusammen zu halten. Manche Mitstreiter gestehen sich offen ihre eigenen Grenzen ein. Für alle, die bei den oben beschriebenen Phänomenen leichte Zweifel bekommen, empfehle ich ein wenig Selbstreflexion und lieber die eigenen guten Seiten zu betonen, die man wirklich selbst hat.



Maren Zaidan
Bundesvorsitzende der Partei DIE FÖDERALEN
Essen, den 23.07.2020