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Politisches Familiendrama

Und in welcher Beziehung steht ihr zueinander?

Maren Zaidan und Stefan Brackmann, 7. September 2023 11:00 Uhr

Macht der Wille offener zu sein, wirklich alles einfacher?

Die Ampelkoalition geht nun an das Vorhaben Verantwortungsgemeinschaft und Co-Elternschaft. Eine Verantwortungsgemeinschaft soll eine rechtliche Absicherung mehrerer Erwachsener, die sich umeinander kümmern werden. Das kann alles von einem romantischen Liebespaar, welches den Hürden einer eventuellen Scheidung im Fall einer Ehe aus dem Weg gehen möchte über einer polyamorösen Beziehung, einer Alterswohngemeinschaft bis hin zu engen Freunden, die füreinander da sind, sein. Die Co-Elternschaft soll es einfacher machen, ein Kind mit einer Mehrfachelternschaft aufzuziehen. D.h. mehr als zwei Erwachsene sind für ein Kind verantwortlich, auch wenn sie nicht in einer Wohnung leben.

Diese Vorhaben klingen auf den ersten Blick vielleicht ganz positiv. Menschen übernehmen Verantwortung füreinander und ein Kind wird auch auf dem Papier durch mehrere Erwachsene abgesichert.

Auf den zweiten Blick zeigen sich die Probleme unserer Gesellschaft und die Probleme, welche diese Regelungen mit sich bringen könnten. Viele Menschen haben Ängste, sich langfristig zu binden. Eine Ehe ist zu anstrengend, also erfindet man eine Ehe light - nichts ganzes und nichts halbes. Es fragt sich, ob von einer losen Beziehung heiraten ohne Testphase mit Verantwortungsgemeinschaft in Zukunft als unvernünftig gilt. Gut, die Verantwortungsgemeinschaft spricht dafür, dass Menschen für nicht verwandte und nicht romantisch Geliebte da sein wollen, aber bei den Formulierungen kommt die Frage auf, wer heiratet, damit ein anderer für ihn Verantwortung übernimmt? Heute leben so viele Menschen wie noch nie allein. Wie viele Menschen sind wirklich bereit, sich nicht nur an eine Person zu binden, sondern an mehrere? Viele Aspekte, zum Beispiel, inwiefern zwischen Ehe und Verantwortungsgemeinschaft gewechselt werden kann, sind offen. Es ist auch offen, ob ein Mensch eine Ehe mit einem anderen führen kann und gleichzeitig eine Verantwortungsgemeinschaft mit noch anderen führen kann. Bereits bekannt ist, dass die Verantwortungsgemeinschaft nicht die Vorteile der Co-Elternschaft mit sich bringen wird.

Finanziell wird im gleichen Atemzug kritisiert, wie Menschen Sozialleistungen gekürzt werden, weil ihre Wohngemeinschaft als eheähnlich gerechnet wird. Man muss davon ausgehen, dass Verantwortungsgemeinschaften nicht nur die Sicherheit geben, dass andere für einen im Notfall da sind, sondern auch gezwungenermaßen im Notfall an sie binden. Steuerliche Anreize soll es übrigens nicht geben. Die Bevorteilung von Verantwortungsgemeinschaften muss auch eingeschränkt sein, da das Grundgesetz die klassische Familie besonders schützt. Jegliche Art von versuchtem Umdefinieren, lässt genetische Verbindungen und das Zeichen daran zu glauben, den Rest des Lebens mit einer Person zu verbringen, unterschätzen.

Die Co-Elternschaft bringt, mit einem realistischen Blick mehr als die Diskussion über eine Entscheidung für das Kind zwischen zwei, sondern bis zu vier Personen mit sich. Wenn Papa nein sagt, bleiben also noch drei andere, die vielleicht ja sagen und auch unterschreiben können.

Interessant werden auf jeden Fall die Gespräche in Zukunft. Wer in welcher Beziehung zu wem steht, wird sehr interessant und oft wahrscheinlich auch zu neuen peinlichen Momenten führen.

Bei längerer Beschäftigung mit dem Thema fallen einem noch viele weitere Faktoren ein, die hier nicht außen vor gelassen werden sollten.

Wenn man sich einmal mit dem Wort “Verantwortungsgemeinschaft” beschäftigt, dann hört sich das an wie “Fachbetrieb für Erdmöbel”, wie ein übrig gebliebenes Wort aus dem sozialistischen Setzkasten.

Hier wird der Begriff “Familie” vermieden, ausgehöhlt, wenn nicht sogar aus dem Vokabular gestrichen. Dabei ist die Familie der Kern einer Gesellschaft. Die kleinste gemeinsame Einheit in einer lebendigen Solidargemeinschaft. Generationenübergreifend und füreinander einstehend.

Die neue Gemeinschaft ist wieder einmal nichtssagend, bedeutungslos und austauschbar. Eine Familie zu gründen bedeutet, Verantwortung wahrzunehmen. Der Schritt, zu heiraten, hatte immer etwas ewiges in sich. (Wenn auch leider mit abnehmender Bedeutung.)

Alles scheint mittlerweile so bedeutungslos geworden zu sein. Alle vier Monate wechselt die angesagte Farbe der Kleidung, alle sechs Monate wird ein neuer Ernährungstrend geboren. Den gewählten Beruf hält man auch nicht mehr bis zum Lebensende, erst Recht bleibt man nicht sein ganzes Berufsleben bei einer Firma. Auswechselbar, unbedeutend und ohne Durchhaltewillen wird eine Gesellschaft abgeschafft.

Nun ist also die klassische Familie an der Reihe, den Weg allen irdischen Lebens zu gehen.

Nicht so jedoch die bürokratischen Pflanzen, die sich immer weiter zu einem undurchdringbaren Dschungel ausbreiten. Hier scheint ein weiteres Monstergewächs auf dem hiesigen Boden zu gedeihen.

Wenn schon jetzt bei Beendigung einer Ehe das Thema des Versorgungsausgleichs immer für weitere Probleme sorgt, wie sieht es dann bei diesem Konstrukt aus? Wer hat mit wem wie lange zusammengelebt? Wer hat in der Zeit mehr verdient, mehr Entgeltpunkte in die Rentenversicherung eingebracht?

Wie sieht dann die Verantwortungsstruktur aus, wenn ein Kind sich im schulischen Umfeld nicht zurecht findet, keine Hausaufgaben macht, schwänzt oder andere Dinge anstellt? Wer wird dann als “Erziehungsbeauftragter” herangezogen? Wird dann auch typisch die Verantwortung immer weitergereicht? Wo ist da die Grenze?

Die Familienbehörden kommen doch bereits jetzt nicht mehr zurecht, zu groß sind die aktuellen Herausforderungen.

Wer hat an die Auswirkungen auf das Steuerrecht gedacht, ob Einkommensteuer oder Erbschaftsteuer? Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, mit vier Elternteilen noch ein Recht auf Bafög zu haben? Wie wird dann die Einkommensgrenze der Eltern für das Kindergeld berechnet? Wie geht man mit den Kinderfreibeträgen um, wer bekommt sie, wann und in welcher Höhe?

Wieder einmal ein Beispiel von: Unnütz, unklug, unsinnig und nicht zu Ende gedacht.


Maren Zaidan und Stefan Brackmann
die Bundesvorsitzenden
DIE FÖDERALEN



Quellen:
https://www.bmj.de/DE/themen/gesellschaft_familie/ehe_nichteheliche_gemeinschaft/verantwortungsgemeinschaft/verantwortungsgemeinschaft_node.html
https://taz.de/Ampelkoalition-reformiert-Familienrecht/!5950425/
https://www.deutschlandfunkkultur.de/co-elternschaft-grosses-glueck-und-grosse-herausforderung-100.htm