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Cancel Culture, Political Correctness und ihre Freunde

Zum Schutz oder zur Gleichmachung – zwei Seiten stehen sich gegenüber

Maren Zaidan, 21. August 2020 16:42 Uhr

Wo liegt die Grenze bei dem was man veröffentlichen kann?

In den letzten Wochen hört man vermehrt von Cancel Culture und Political Correctness. Manchmal werden die Begriffe konkret genannt, manchmal nur umschrieben.

Mit Cancel Culture wird ein systematischer Boykott von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden. (Wikipedia)

Mit Political Correctness war ursprünglich gemeint, dass Aussagen und Taten vermieden werden sollen, die bestimmte Gruppen beleidigen oder verletzen könnten. Anfang der 1990er-Jahre wurde der Begriff von den Konservativen in den USA und etwas später auch in Deutschland umdefiniert, um eine solche Ausdrucksweise als Beschränkung der Redefreiheit und Zensur anzuprangern. (Wikipedia)

Nun gibt es Argumente für und gegen beides. Es ist natürlich ehrenwert, wenn man Menschen schützen möchte. Die Frage dabei ist, ab wann ist es nötig, Menschengruppen zu schützen? Ab wann ist es keine Kritik oder kein nicht besonders netter Kommentar am Rande mehr? Wir sollten definitiv gegen Diskriminierung jeglicher Art weltweit vorgehen. Manche Stimmen meinen jedoch inzwischen wieder, dass sich gewisse Gruppen nicht mehr aus der Diskriminierung herauskämpfen, sondern versuchen sich besser als die anderen zu stellen. Da alle Aussagen, die angeprangert und diskutiert werden, aus verstrittenen Lagern kommen, ist die Aufregung meist groß und es wird von allen Seiten nicht mehr objektiv geurteilt. Zudem ist zu beachten, dass es Gruppen gibt, bei denen kein Mensch auf der Welt vollkommen neutral sein kann. Das ganze Abstrakt zu machen und aus dem Kontext zu reißen, macht bekanntlich auch nichts besser.

Das Argument der Neunziger wird gerade in den letzten Jahren wieder verstärkt aufgebracht. Gibt es eine Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit, wenn Cancel Culture und Political Correctness gelebt werden? Viele Menschen halten speziell den althergebrachten Medien vor, nur einseitig zu berichten und Personen mit gewissen abweichenden Meinungen auszuschließen. Es herrscht oft eine gewisse Empörung über bestimmte Meinungsäußerungen. Die Konsequenz der Beendigung von Karrieren, des Ausblendens gewisser Meinungen ist, dass auf beiden Seiten Aufregung und Empörung herrscht. Der Ton wird ungebremster und der zuerst vorgenommene, nicht verletzende Umgang wird auf beiden Seiten vergessen. Ist es nicht auch verletzend, Menschen wegen einer Meinung über andere endgültig auszuschließen?

Die wirkliche Frage ist wiedermal, wie Meinungsbildung erfolgt, wenn die gehörten Meinungen eingeschränkt werden? Zudem scheinen wir auch heute noch nicht zu wissen, ab wann die Menschen selbst ohne Hilfe ein extremes Meinungsbild ablehnen und bis wann sie einfach in gewissen Fällen mitgehen. Wir wissen viel über die Faktoren, die bei Beeinflussung der Meinungsbildung eine Rolle spielen, aber dank der Geschichte scheinen wir sehr unsicher zu sein, wie viel Meinung wir der Bevölkerung zutrauen können.

Ist es letztendlich nicht aber auch eine Frage der Bildung und der Lebensführung? Sollten wir nicht dafür sorgen, dass alle Bevölkerungsteile so gut gebildet sind, wie es für sie möglich ist? Wer Wissen hat und in der Lage ist, eigene Lösungen zu finden, kann auch besser andere Meinungen abwägen und wird sich weniger von Oberflächlichkeiten ablenken lassen. Und wie wollen wir Menschen dazu bringen, sich in Themen einzuarbeiten oder selbst gründlich nachzudenken, wenn wir in einer Welt leben, in der alle gestresst und ausgelaugt sind? Wir reden immer nur von mehr Familienförderung und von einer guten Work-Life-Balance, aber die Realität sieht bei den meisten Menschen aller Bevölkerungsschichten immer noch anders aus und scheint eher schlechter zu werden. Es ist vielleicht keine Ausrede, dass manch einer es nicht schafft, abends noch die politischen Entscheidungen abzuwägen, (sondern vorm Fernsehen, auf dem ein seichtes Programm läuft, einschläft), sondern traurige, begründete Realität. Statt auf den anderen rumzuhacken, dass sie ihr Familienleben besser in den Griff bekommen oder weniger arbeiten mögen, sollten wir hilfreiche Konzepte wirklich umsetzen. Vielleicht sollten wir auch, um das zu schaffen, im Kleinen anfangen und sozial miteinander umgehen, dann müssen sich die Menschen weniger den Kopf über ihr Leben zerbrechen und können besser über die großen Entscheidungen nachdenken.

Ein Argument gegen die Gegner von Cancel Culture ist, dass dieses Phänomen nur Prominente bzw. Menschen mit großer Reichweite betrifft. Das ist, wenn man den Begriff streng nimmt, richtig. Das Problem weitet sich jedoch aus. Die Menschen ohne große Reichweite sehen, dass Menschen, die sogar sehr beliebt sind von der Gesellschaft, für gewisse Meinungen gestraft werden. Das führt in dem einen Moment dazu, dass man seine Freunde in den sozialen Netzwerken mitstraft, wenn sie nicht der eigenen oder allgemeinen Meinung sind. Andererseits führt es dazu, dass die Menschen aus Angst, sozial geächtet zu werden, anfangen sich selbst zu zensieren und zurückzunehmen. Auch ohne Promistatus haben Menschen etwas in ihrem Leben zu verlieren und wenn es nur die alten Bekannten sind, die man eigentlich doch noch mag.

Zum Schluss gibt es Menschen, die weder auf der einen noch auf der anderen Seite der Debatte stehen, aber von dem ganzen Thema genervt sind. Der Begriff Political Correctness wird in der alten und neuen Bedeutung inzwischen inflationär verwendet. Viele Menschen wünschen sich einfach nur einen höfflichen und durchdachten Umgang miteinander – ohne künstlich erschaffene Regeln, die auf den ein oder anderen überzogen wirken, aber auch ohne Shitstorms und unangemessene Beleidigungen. Kurz gesagt:

Was du nicht willst, was man dir tut, dass füg auch keinem andern zu!

Maren Zaidan
Bundesvorsitzende der Partei DIE FÖDERALEN
Essen, den 21.08.2020

Quellen: