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Milgram und die Gehorsamkeit

Eine andere Sichtweise

Maren Zaidan, 7. Oktober 2022 10:00 Uhr

Wie weit würdest du gehen, wenn...

Milgrams Experiment wird gern angeführt, um zu begründen, warum Menschen etwas mitmachen oder auf Anweisung ausführen, was offensichtlich falsch ist. Heben sich Akteure, welche Milgram anführen, nicht inzwischen selbst auf ein Podest? Sie selbst würden niemals gehorchen! Sie denken selbstständig und trotzen den Autoritäten! Ist das wirklich die Aussage des Experiments?

Das Experiment in Kürze:
In Milgrams Experiment bekamen Versuchsteilnehmer Anweisungen, in denen sie offensichtlich ihrem Gegenüber immer mehr durch Stromschläge schadeten. Die meisten von ihnen machten das, was sie machen sollten. Abgeschwächt wurde die Gehorsamkeit, wenn die Autoritätsperson keine direkte Kontrolle hatte, also die Anweisungen zum Beispiel über ein Telefon erfolgten.

Die - leider - oft verbreitete, politisch genutzte Interpretation:
Menschen, die Anweisungen befolgen, ohne die Konsequenzen zu beachten, schaden sich selbst und anderen. Sie machen stupide, was ihnen Autoritäten, wie Regierungen sagen. Menschen, die sich widersetzen, sind klüger.

Milgrams Interpretation:
Menschen verfügen über zwei Modi. Der eine Modus ist der selbstbestimmte (autonome) Modus. Hier geht es darum, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Der zweite Modus ist der systemgebundene Modus. In diesem sind Menschen gehorsam.

Jeder Mensch verfügt über beide Modi und beide Modi sind evolutionär zum Überleben nötig gewesen und auch heute noch nötig. Persönlichkeit und politische Orientierung beeinflussen die Intensität der Ausübung der Anweisungen laut neueren Untersuchungen. Die bewusste Reflexion, dessen was wir tun, wird in manchen Situationen abgeschaltet. Die Antwort vieler Psychologen auf die Frage, ob jeder gewöhnliche Mensch auf Befehl töten kann, lautet “ja”.

Wozu dienen die Modi?
Wenn wir keine Motivation hätten, etwas zu Essen und zu Trinken, wären wir nach kurzer Zeit tot. Viele andere Bedürfnisse tragen auch dazu bei, dass wir gesund sind und es uns gut geht. Somit ist der autonome Modus klar.

Doch für was brauchen wir den systemgebundenen Modus, wenn er dazu führt, dass Menschen auf Befehl anderen schaden oder sie sogar töten? Gehorsamkeit hat in Deutschland einen bitteren Beigeschmack. Aber Menschen leben in Gruppen. Um zu überleben, müssen diese Gruppen koordiniert werden und wir sollten innerhalb unserer Gruppe bleiben können oder im Notfall in einer anderen Gruppe aufgenommen werden. In der Evolution hätte der Einzelne keine Chance gegen das Mammut gehabt. Heute wissen wir, Einsamkeit ist auch ohne Mammut schädlich. Wer einsam ist, ist anfälliger für psychische und körperliche Leiden, altert schneller und stirbt früher. Evolutionär wird es als sinnvoll angenommen, dass es Menschen gibt, die sich anderen unterordnen.

Wenn wir in der Gruppe alles basisdemokratisch ausdiskutieren würden, wären wir den ganzen Tag mit Reden beschäftigt. Etwas zu Essen wäre also nicht an den Feuerplatz gekommen. Vielleicht hätten wir uns gegenseitig zerfleischt. Die Sieger wären danach dann jedoch einsam und damit wieder in Gefahr gewesen. Heute hätten wir keine fertigen Produkte. Wir müssten reden und danach wieder reden.

Schwarmintelligenz ist dem Menschen nicht gegeben und passt nicht zu unserer Lebenswelt. Wir müssen uns anders koordinieren.

Menschen haben immer Hierarchien. Gruppen, die etwas anderes behaupten, begehen Selbstbetrug! Eine flache Hierarchie ist immer noch eine Hierarchie. Eine nicht festgeschriebene Hierarchie, in der alle dem mit dem größten Charisma folgen, ist eine Hierarchie! Experimente zeigten, dass selbst zufällig zusammengesetzte Gruppen ohne wirkliches Ziel sehr schnell eine Hierarchie bilden. Gehorsamkeit ist nötig, damit wir uns unterordnen und das machen, was das Alphatier oder heute eine Führungsperson sagt. Wenn wir jedesmal erst diskutieren würden, würde Chaos ausbrechen. Gehorsamkeit hat auch etwas mit unserer Sozialkompetenz zu tun. Wenn ich nach jeder Aussage eines anderen anfange zu streiten, habe ich bald keine Freunde mehr. Wenn ich jede Aussage mit Aggression belade, fühlen sich alle angegriffen und gehen mir aus dem Weg oder schlagen zurück.

Was heißt das für politische Entscheidungen?
Einzelpersonen, die etwas Angeordnetes verweigern, sind in dieser Sache diejenigen, die gerade ihren Bedürfnissen nachgehen und das Risiko eingehen, die Gruppe zu sprengen oder ausgeschlossen zu werden. Das Maß an Ungehorsam hat, wie oben geschrieben, wahrscheinlich etwas mit der Ausprägung der Persönlichkeitsmerkmale zu tun. An der Corona-Bewegung sieht man das sehr gut. Viele Menschen, die sich strikt gegen die Verordnungen wehren und gleichzeitig über Ausschluss und Probleme durch ihr Verhalten klagen. Die Gruppe, die sich unbewusst dazu entschieden hat, das zu machen, was die Regierung sagt, identifiziert die “Egoisten” als Störer. Die Bewegungsanhänger schütteln den Kopf über diese Meinung. Innerhalb der Bewegung herrscht dann jedoch auch eine Hierarchie. Wer innerhalb der Bewegung die Autoritäten anzweifelt oder kritisiert, wird auch geächtet.

Ja, Autoritäten können sich irren, Fehler machen und es gibt Menschen, die ihre Macht missbrauchen. Gegenwehr macht Sinn! Doch in welchem Modus wir wann gehen, hängt mit unseren inneren momentanen Kapazitäten und unseren Erfahrungen zusammen. Nicht jeder kann und möchte die oben genannten negativen Erfahrungen machen. Nicht jeder hat gerade eine Lebensphase, in der genug Zeit ist, alles was angeordnet wird zu hinterfragen. Und natürlich spielt auch das Maß an Verträglichkeit eine Rolle. Wer Konflikte scheut, wird es eher vermeiden, welche auszulösen.

Blinder Gehorsam ist nicht gut! Die Menschen, die hier oder da blind gehorchen, sind jedoch nicht besser oder schlechter als andere. Alles oben genannte spielt für jeden eine Rolle. Vielleicht folgst du ein anderes Thema, ohne zu reflektieren. Vielleicht widerspricht dann der andere. Vielleicht gibt es Menschen, die dann weniger stark mitmachen. Das Verhalten derer, die nicht mitmachen, ist natürlich nicht nur egoistisch. Sie kämpfen genauso für ihre Kinder, Partner, Freunde, Kollegen, … und für diese hat all das auch Konsequenzen. Aber im ersten Schritt geht es der anderen Gruppe darum, die Gruppe nicht in Probleme und Konflikte zu bringen.

Keiner hat hier das Recht, sich selbst und die eigene Gruppe auf ein Podest zu stellen oder sich als Überlegen zu fühlen! Milgram betonte zudem, dass keiner seiner Probanden ein Sadist war. Die ausgelösten Täter weinten, zitterten und litten selbst während des Experiments. Seine erste eigene Vermutung, dass es in seinem Land nicht zu Verbrechen wie im Nazi-Deutschland kommen kann, ging nicht auf.

Kritiker des Experiments gehen zunächst darauf ein: Auch wenn es nur ein Experiment war und künstlich. Die Probanden müssen mit dem Wissen über das, was sie getan hätten, weiterleben. Wie verarbeitet man so etwas? Ein Versuchsaufbau, in dem eine Woche später eine andere Situation dieser Art mit denselben Personen durchgeführt wird, ist ethisch nicht vertretbar. Das klassische Experiment ist aus heutiger Sicht ethisch nicht oder kaum vertretbar! Das heißt, wir wissen nicht, ob eine Person, die bei Problem A mitmacht, bei Problem B nicht mitmacht. Wir wissen nicht, ob es noch unbekannte Einflussfaktoren gibt. Schaut man sich in der Corona-Bewegung um, haben viele Aktivisten einschneidende Vorerfahrungen. Sind sie enthemmter gegenüber gewissen Risiken geworden? Ziehen sie mit ihrer Eigensinnigkeit Probleme an? Wie sehr spielt es eine Rolle, wie sehr ich im Moment mit anderen Dingen belastet bin? Wie stark spielt es eine Rolle, ob das konkrete Thema noch andere Konsequenzen für mich hat?

Der zweite Kritikpunkt ist der, dass Milgram eben keine Zeit zur Reflexion ließ. Niemand ging nach Hause, reflektierte und konnte am nächsten Tag entscheiden, ob er weitermacht. Für manche Situationen ist diese Kritik relevant, für andere kann man sagen, dass das Leben einen eben oft keine Zeit lässt, um nachzudenken. Damals, wie heute, hängen Menschen auch von ihren Jobs und dem Umfeld ab. Was, wenn ich nicht mehr mitmache und meine Familie nicht mehr ernähren kann?

Meine persönliche Kritik an dem Vergleich der aktuellen Situation mit der des Experiments ist das Ausmaß der Grausamkeit. Kann man offensichtlich auf Anweisung töten mit der aktuellen Situation gleichsetzen? Muss man nicht eben auch die Intensität des Mitmachens und andere Zwingen, sich zu fügen, einbeziehen? Dass der Strom den Menschen schadet, lernt jedes Kind. Die Situation war also doch eindeutig. Ist die Situation während der Pandemie wirklich eindeutig? Hat nicht jedes Lager moralisiert und gut argumentiert? War es eindeutig, was hilft und was schadet? Haben nicht beide Seiten mit Horrormeldungen Aufmerksamkeit erzielt?

Sollte man komplexe Phänomene wirklich stark vereinfachen, um die Gegenseite als dumm und unmoralisch darzustellen?


Maren Zaidan
Bundesvorsitzende
DIE FÖDERALEN



Quellen:
https://www.aerzteblatt.de/archiv/61140/Stanley-Milgram-Gehorsam-gegenueber-Autoritaet
Sozialpsychologie: 4., aktualisierte Auflage (Pearson Studium - Psychologie) Rüdiger Hirsch. Sozialkompetenz kann man lernen. 2. Auflage. Beltz.
https://idw-online.de/de/news759082
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24798990/#:~:text=Personality%20was%20assessed%20by%20the,electric%20shocks%20to%20a%20victim.
https://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/milgram-experiment-fast-jeder-wuerde-auf-befehl-foltern-1256016.html