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Wie schlimm ist es?

Ein Kommentar über den Wandel des Soziallebens in Zeiten von Corona

Ronny Böhm, 26. Juli 2020 15:23 Uhr

Werden wir durch unser Verhalten zu Einzelgängern?
So schlimm ist es doch nicht, höre ich immer wieder und bin jedes Mal schockiert und fassungslos. Wie konnte es soweit kommen, dass den Menschen ihre persönliche Freiheit und Entscheidungsmacht nichts mehr wert ist?

Interessant finde ich dabei, dass ich in vielen Gesprächen durchaus Kritik wahrnehme, die Maßnahmen seien zu drastisch und man müsse sich jetzt überall anmelden oder die Maske wurde vergessen usw. Dann denke ich oft ‚Gut - ein Erwachender‘ und werde zunächst bestätigt durch weitere Kritik wie z.B. Einzelplätze in den Kantinen und geführte Wege und dann kommt der Bumerang:

Seitdem haben wir keinen Stau mehr beim Essen, das ist doch toll.

Mir bleibt der Mund offenstehen und ich versuche mein Gegenüber zu verstehen. Ist es die schleichende Gewöhnung, die hier im Unterbewusstsein zuschlägt und versucht, im Bewussten ein vernünftiges Argument zu platzieren, warum das Absurde vielleicht doch nicht so absurd sein muss?

Auch das Maskentragen sei nicht so schlimm, in China werde das schon sehr lange so im Alltag gemacht … da bricht es aus mir heraus, China hat Smog, berufliche Masken sind eine andere Sache, Distanzierung schadet unserem Sozialwesen, als Lebewesen gehören wir in die ökologischen Systeme von Viren, Bakterien, Pilzen … ich muss mich aktiv bremsen, um meinen Gesprächspartner nicht wegzublasen - ich will ja solide Diskussion.

Immerhin kennen immer mehr Leute auch die Daten des RKI und schauen zumindest auch selbst mal nach. Wenn ich dann allerdings höre, dass auch diese Statistiken eine Interpretation benötigen und der entsprechend ‚erklärbär‘ von Nachrichtensendern des Mainstreams herangezogen wird, wird mir zunehmend klar, in welcher Breite hier Verwirrung und Unsicherheit zuschlägt. Ich will dabei keinesfalls sagen, dass die Menschen, mit denen ich da rege diskutiere, dumm sind. Ganz im Gegenteil, die Gespräche verlaufen oft auf hohem Niveau und mit gegenseitigem Respekt. Aber Angst und vor allem Unsicherheit scheinen fest verankert. Was mir fast immer gelingt ist die Übereinstimmung, dass es nicht um die EINE Wahrheit geht. Ich bin sauer über Einseitigkeit und es ist wichtig, sich breit zu informieren, um sein EIGENES Meinungsbild zu finden. Hier stimmen mir fast alle zu und ich schöpfe wieder ein wenig Hoffnung.

Letztlich ist es natürlich auch noch eine Frage des persönlichen Lebensumstands: Der Hausbesitzer mit Garten im Ländlichen sieht die Situation meist entspannter als der Wohnungsmieter im Ballungszentrum. Viele haben sich an das Homeoffice gewöhnt und finden das prima. Ich auch, aber nur in Maßen, denn ich vermisse meine spontanen Zusammentreffen mit Kollegen auf dem Flur, den Plausch in der Kaffeeecke. Dass ich mich dabei oft auch mehr bewege lassen wir meinetwegen außen vor. Aber ich will wieder jemandem die Hand geben, Menschen umarmen, Körperausdruck in aller Form persönlich erfahren. Da höre ich schon wieder, dass neueste Umfragen aus Deutschland zeigen, dass dies keiner wirklich mehr will. Echt jetzt? Sind wir so verroht? Nur noch jeder für sich? Wo sind alle diejenigen, die vorher so genüsslich beisammenstanden, saßen, tranken, aßen, diskutierten und gestikulierten? Sind die jetzt plötzlich zu Einzelgängern mutiert? Ich denke nein, aber sie sind der Angst erlegen, der Unsicherheit, der Verwirrung und der Komplexität der Zahlenwerke und Medienlandschaft. Ich bin nicht böse, schwanke aber zwischen Traurigkeit und Wut.

Solange weiter Zahlen konsumiert werden, die statistisch nicht sauber und für jeden verständlich aufbereitet sind, die aus dem Zusammenhang gerissen, ohne Bezugsgröße und ohne Relevanz Darstellung für Altersgruppen und Regionen haben und solange kein Gegengewicht aufgefahren wird, welcher Schaden durch Anti-CORONA-Maßnahmen entsteht, solange wird der Zweifel bleiben, ob es nicht doch besser ist, Abstand zu halten, nicht mehr spontan sein zu können, sich ständig neue Masken kaufen zu müssen oder ans Auswaschen zu denken, die Kinder lieber zu Hause zu lassen, Netflix statt Kino & Theater, Amazon fresh statt Bioladen, Schnellimpfung statt solides Immunsystem… nun ja So schlimm ist es doch nicht, oder?