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Grenzen

Sind wir an unseren menschlichen Grenzen angelangt?

Stefan Brackmann, 24. Oktober 2023 05:00 Uhr

Noch schneller, weiter,höher, mehr, ...

Dass der Titel so aktuell erscheint, ist zunächst einmal trügerisch. Hat er doch mit Landesgrenzen wenig zu tun. Dieser Text liegt mir jedoch seit langem auf dem Herzen. Insbesondere ein Ereignis hat mich dazu veranlasst, ihn endlich zu Papier (?) zu bringen.

Am 8. Oktober 2023 stellte der Kenianer Kelvin Kiptum in Chicago mit einer Zeit von 2:00:35 Stunden einen neuen Weltrekord im Marathonlauf auf. Das ist nur noch ganz knapp von der magischen Grenze von zwei Stunden entfernt. Nur Eliud Kipchoge lief 2019 in Wien unter „Laborbedingungen“ eine Zeit von 1:59:50 Stunden. Für diese Erfolge ist ein absolut perfektes Zusammenspiel aller Kräfte erforderlich. Von der Trainigssteuerung über die Ernährung bis zur technischen Ausrüstung musste alles optimiert sein. Dann spielen noch die Tagesform und die äußeren Bedingungen eine große Rolle. Weitere Optimierungen werden kaum noch große Verbesserungen hervorbringen können, haben doch Sportwissenschaftler eine physiologische Grenze von ca. 1:58 Stunden errechnet.

Bereits 2010 wurde in der FAZ berichtet, dass wir alle sportlichen Grenzen zu 99,5 % erreicht hätten.

Hier stellt sich die Frage: Und nun?

Schauen wir uns einmal weiter um, dann finden wir weitere Beispiele, in denen Grenzen erreicht werden oder sogar unerreichbar erscheinen.

Auf der Suche nach dem kleinsten Teilchen ist zum Beispiel das CERN in Genf gefragt. Dort wird mit einem enormen Aufwand geforscht und gesucht. Man erreicht dort in Experimenten fast Lichtgeschwindigkeit und findet meistens nur: neue Fragen! Kritiker fragen sich, ob wir in den Letzten 40 oder sogar 50 Jahren in unserer Erkenntnis weiter vorangeschritten sind.

Als Kosten für die größten Experimente wie dem LHC am CERN werden aktuell wohl um die € 6.500.000.000 ausgewiesen! Nun sind noch größere Anlagen geplant, die dann Richtung € 20.000.000.000 kosten würden. Doch selbst mit dem größten Aufwand bleiben Fragen zurück, die die Wissenschaftler nicht klären können.

Blicken wir in die andere Richtung, nämlich ins Weltall. Dort ist die teuerste Anlage mit rund $ 10.000.000.000 unterwegs, das James Webb Teleskop (JWT). Es liefert beeindruckende Bilder und Daten, die die Wissenschaftler auch wieder vor neue Herausforderungen stellt. Neueste Erkenntnisse lassen die bisherige Datierung unseres Kosmos jedenfalls wohl nicht mehr zu. Viele Theoriegebäude scheinen gerade ins Wanken zu geraten.

Wie weit können und wollen wir diesen Aufwand noch betreiben? Ist unser Durst nach Erkenntnis wirklich grenzenlos?

Das nächste Kapitel liegt uns jedenfalls noch näher. Durch die rasante Entwicklung der Informationstechnologie, siehe hier zum Beispiel auch das Mooresche Gesetz von 1965, erscheinen neue Entwicklungsschritte nun nicht mehr undenkbar. Denn die Informationstechnik steht wohl kurz davor, den Menschen im Denken den Rang abzulaufen. Nur noch wenige Iterationen sind erforderlich, um bisher bestehende Grenzen zu überschreiten.

Der Einsatz von KI-Modellen aller Art hat seit Chat-GPT’s Start im Februar 2023 eine beispiellose Karriere hinter sich gebracht. Es scheint möglich, dass diese intelligenten Modelle uns Menschen in nicht allzu ferner Zukunft überholen, sollten sie sich später einmal aus sich selbst heraus weiterentwickeln. Schon jetzt werden einzelne Berichte herumgereicht, wo ein Entwicklerteam nicht mehr weiß, was deren KI gerade macht oder wie sie zu ihren Entscheidungen kommt.

Eine Bewertung solcher Modelle ist aktuell von einer großen Bandbreite gekennzeichnet. Viele sehen sie als Nutzen für die ganze Menschheit, andere sehen darin das Ende derselben. Werden wir uns mithilfe dieser Technik weiterentwickeln oder wird das ganz ohne uns geschehen? Hier spielt nun auch das Thema des sogenannten Transhumanismus eine große Rolle. Die aktuellen Forschungen zielen aber eher noch auf medizinische Notwendigkeiten ab als auf eine neu geschaffene Spezies.

Der Übergang in eine neue Zivilisation wird auch als Singularität betrachtet. Hier hat Raymond (Ray) Kurzweil einmal das Jahr 2045 als Datum genannt. Der Übergang wird jedoch eher fließend über einen längeren Zeitraum stattfinden. Aber jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir als Menschen noch handeln und entscheiden können. Können wir das in der aktuellen Situation überhaupt?

Dieser Artikel soll zum Nachdenken, Nachrecherchieren und als Anregung zum selbständigen Handeln dienen. Wo sind unsere Grenzen? Welche möchten wir erreichen, welche eher nicht? Wenn wir die Frage stellen, ob wir die Grenzen sogar überschreiten wollen, steht die existenzielle Frage der Menschheit im Raum. Sind wir bereit dazu? Was wird unser Weg sein und ab wann ist es zu spät gegenzusteuern? Und zu guter Letzt: Wird uns dieses Thema einigen? Denn es wird uns alle betreffen!


Stefan Brackmann
Bundesvorsitzender
DIE FÖDERALEN



Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kelvin_Kiptum
www.sueddeutsche.de/wissen/leistungsgrenzen-im-sport-das-ende-der-rekorde- 1.295321