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Komplexitätsreduzierung

Wer kennt ( noch ) KISS?

Stefan Brackmann, 22. September 2022 08:00 Uhr

Nicht immer ist es A führt zu B.

Schon länger wabert dieser Text in meinen Gehirnwindungen umher, wollten doch die zu einem Gesamtbild geformten Wörter das Licht der Welt erblicken. Vieles benötigt halt seine Zeit und einiges muss erst reifen, bevor man es genießen kann. Jetzt ist es also so weit.

Beginnen wir mit der Unterüberschrift! Wer denkt nicht zuerst an die Rockband um Gene Simmons, die in den 70er-Jahrn des letzten Jahrhunderts eine bemerkenswerte Karriere hinlegten. Ein kurzer Bezug zur Jetztzeit: Diese Band musste im Sommer 1980 ihr Logo aufgrund der gewählten Runenschrift und der beiden letzten Buchstaben des Bandnamens ändern.

Ich hoffe, diese Abschweifung vom eigentlichen Inhalt sei mir verziehen, passte es doch aus bekannten Gründen gut hier rein. Doch nun zurück zum Kern des heutigen Textes. KISS wird allgemein als Lösungsansatz für Problemstellungen genannt. Die ursprüngliche Bedeutung war:

Keep it simple, stupid

Andere Weisheiten in dem Bereich sind zum Beispiel Ockhams Rasiermesser oder der Spruch des bekannten Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry:

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.

Diese Aussage trifft meine Intention des Artikels am besten. Haben wir doch, bedingt durch die technische Revolution verlernt, komplexe Sachverhalte wahrzunehmen, zu verarbeiten und daraus unsere Schlussfolgerungen zu ziehen. Was meine ich damit?

In der Zeit der elektronischen Kommunikation hat sich leider ein nicht zu unterschätzender Trend durchgesetzt und der fällt uns aktuell auf die Füße. Man fasste sich kurz, man nutze sogar dabei noch Abkürzungen, für einzelne Situationen wurden und werden gerne kleine Bildchen verwendet. Besonders hervorheben möchte ich zwei Entwicklungen.

Erstens die Firma Twitter, seit 2006 aktiv, hat seine Anwender konditioniert, mit 140 Zeichen auszukommen. Zweitens unsere Mail- und Nachrichteneingänge. In unserer kurzlebigen Zeit werden doch nur noch Überschriften gesichtet, Unterüberschriften schon seltener, die Zusammenfassung nur noch nötigenfalls. Durch diese Trends wurde nicht nur die Nachrichtenflut noch schlimmer, sondern auch die Inhaltsleere immer größer!

Aber es gibt leider in komplexen Systemen nehmen wir hier zum Beispiel die international verflochtenen Wirtschaftsbeziehungen nicht immer die Abkürzung einer Komplexitätsreduzierung ohne Schaden anzurichten.

Es gibt in solchen Bereichen kein: Ich drücke hier auf den Schalter A und es passiert B, sondern es passieren noch B1, B2, B3… und C1, C2, C3…

Wenn nun eine Generation an die Schalter der Macht gerät, die solche komplexen Strukturen in ihrem Leben kaum kennengelernt haben, dann kann das nur zu den Entwicklungen führen, die wir gerade alle sehen.

Einige scheinen das auch sehr schnell erkannt zu haben, denn die massive Ausweitung der Ministerien und auch der Beraterverträge sprechen eine deutliche Sprache. Wenn auch die neu eingestellten Mitarbeiter von dem Vereinfachungssyndrom erfasst sind, dann hilft da leider nichts mehr.


Stefan Brackmann
Bundesvorsitzender
DIE FÖDERALEN



Quellen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/5/56/1980PressetextKISS-Logo.jpg