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Schneller, schneller ...

... und nirgendwo ankommen.

Stefan Brackmann, 17. März 2021 10:30 Uhr

Meine kryptischen Überschriften haben schon den einen oder anderen um den Verstand gebracht. Heute möchte ich einmal versuchen, mehrere Themen zusammenzuführen. In einem Newsletter fielen mir zwei Überschriften auf:

N26 verliert Hunderte Mitarbeiter und Bezahldienst Stripe ist jetzt 95 Milliarden Dollar wert

Wir sprechen hier von einer noch relativ neuen Branche, die sich Fintechs nennt, also auf neudeutsch: Finanzdienstleistungen einfach auf dem Mobiltelefon. Diese neuen Unternehmen weisen in der Regel zunächst einmal rasante Wachstumsraten aus. Sie werden beobachtet, hofiert und mit reichlich Kapital ausgestattet. Suchen doch große Investoren die neuesten Möglichkeiten, bei zukünftigen Börsenstars früh genug einzusteigen.

Von diesen Unternehmen gibt es mittlerweile eine sehr große Zahl, sehen sie doch die Chance, sich nicht nur vom Markt, sondern auch vom großen Investorengeldkuchen eine Ecke abzuschneiden.

Das führt dann zu einigen, sagen wir mal, merkwürdigen Situationen. Zunächst einmal zur neuen Bezahl-Plattform Stripe. Sie ist nach der neuesten Finanzierungsrunde rund US-$ 95.000.000.000,— wert und damit fast fünfmal so teuer wie die Deutsche Bank! Obwohl sie noch nicht einen Cent verdient hat. Wer noch nicht weiß, wo die Großanleger ihr Geld lassen, hier findet man Beispiele.

Und wenn dann das Wachstum solch eines neuen Unternehmens nicht mehr so rasant abläuft, passieren zwei Dinge gleichzeitig: Zum Ersten muss man dem Wachstum entsprechend Mitarbeiter aufbauen. Das gelingt meist nur mit einer Zeitverzögerung. Dann aber gibt es auch schon wieder das neue interessante Start-Up, an dem man als Mitarbeiter dabei sein möchte. Das neue hat ja schönere Ruhezonen (wie Google vielleicht – schön bunt) oder bietet seinen Mitarbeitern kostenlose Getränke an oder ein Dienst-Rad.

Bei neuen Unternehmen werden zudem viele Dinge zu Anfang vergessen. Da fehlt der Kundensupport (der dem Wachstum niemals gerecht wird) oder irgendwann benötigt man für interne Prozesse neue Abteilungen. Dazu dann ein Betriebsrat und so weiter. Dann ist das Unternehmen auch schon nicht mehr neu und die Bereitschaft zu wechseln ist da. Da kann die Betriebszughörigkeit auch mal nur 1 Jahr dauern. Und schon verliert ein Unternehmen wie N26 über 300 Mitarbeiter vom Höchststand im Jahre 2019.

Mittlerweile sind Modelle, nachdem ein Mitarbeiter mit der Firma altert, kaum noch anzutreffen und tragfähig. Zählt es doch mittlerweile zum guten Ton, in seinem Lebenslauf diverse Stationen vorweisen zu können. In einer divisionalisierten Gesellschaft muss man eben mehrere Aufgaben auf mehrere Unternehmen verteilen. Ist doch der Universalist nicht mehr gefragt. Einen Leonardo da Vinci gäbe es in der heutigen Zeit wohl nicht mehr.

Da gibt es dann irgendwann den Spezialisten, der Schrauben nur rechtsherum reindrehen kann. Zum Entfernen der Schrauben benötigt man dann das Gegenstück, den Linksdreher. Da stellt sich mir die Frage, ob es für Spezialschrauben mit Linksgewinde dann weiterer Spezialberufe bedarf. Oder schaffen es die Rechts-Reindreher mit einer Zusatzqualifikation solche Spezialschrauben auch rechts rausdrehen zu können?

Dieser Absatz war einer besonderen Gruppe meiner Leserschaft gewidmet und musste einfach sein.

Zum Abschluss möchte ich auf eine weitere Form des Job-Hopping (sagt man auf deutsch auch Arbeitsspringerei?) hinweisen. Diese ist mir in letzter Zeit sehr stark aufgefallen. Da gibt es doch aktuell einige neue Parteien und ich kenne zahlreiche Menschen, die es in dieser kurzen Zeit schon geschafft haben, mehrere davon kennenzulernen. War Oscar Lafontaine eine frühe Ausnahme oder ein Vorreiter dieser Bewegung?

Ich glaube, da wird ein neuer Artikel fällig zum Thema Fehlertoleranz und Durchhaltewillen.


Stefan Brackmann
Bundesvorsitzender
DIE FÖDERALEN

Quelle: XING, spiegel.de