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Reziprozität

Ich liebe solche Wörter

Stefan Brackmann, 4. August 2020 20:56 Uhr

Jetzt ist es passiert. Immer wieder. Ich stecke in einem Dilemma und suche noch nach einem Ausweg. Ich hoffe, dass man mich nach dem Lesen nicht augenblicklich einem Arzt zuführt. Aber ich will die Spannung ja nicht ins Unermessliche steigen lassen. In den letzten Wochen hat sich mein Bekanntenkreis deutlich geändert, ich will mal sagen weiterentwickelt. Viele nehmen Abstand (!) von einem und dadurch reduziert sich der Kontakteordner auf dem Handy oder am PC.

Gut ist, wenn sich das mit dem Neuzugang in der Waage hält. Hat man früher mal auf einer Party ein oder zwei neue, nette Menschen kennengelernt, war das ja kein Problem. Im Gegenzug fallen auch mal einige andere weg. Bei zwei, drei Änderungen in der Woche gar kein Problem. Ach, das war doch der mit dem englischen Akzent oder Die kleine Blonde mit dem Tattoo am Oberarm.

Heute fahre ich durch die Lande und habe jeweils gleich 20, 50 oder noch mehr interessante neue Kontakte und komme kaum noch nach, diese in elektronischer Form zu verarbeiten. Vor Ort schafft man es meist nicht oder es ist unhöflich, sich die ganze Zeit mit seinem ausgelagerten Gedächtnis zu beschäftigen. Danach ist die Halbwertszeit des Erinnerns schon recht kurz. Zu Hause angekommen, bleibt nur noch ein winziger Rest an Information hängen. Dann kann man sich fast gar nicht mehr an den Einen oder die Andere erinnern.

Das habe ich am Wochenende in Berlin wieder zu spüren bekommen. Am Brandenburger Tor werde ich angesprochen: Hallo, Stefan! Hast mich nicht mehr erkannt, oder? Das ist dann immer der Moment, wo ich um Luft ringe und mich frage, wie man aus der Situation wieder rauskommt. Die beste Strategie scheint hierbei zu sein, ehrlich zu bleiben und zu sagen:

Entschuldige, aber die Entwicklung der Anzahl meiner Gehirnzellen stehen in einem reziproken Verhältnis zur Menge meiner neuen Bekanntschaften.

Dann ist zumindest mein Gegenüber auch erst einmal ratlos und muss nachdenken! Dann sind wir auf Augenhöhe und können noch einmal von vorne beginnen. Vielleicht hilft ja dieser zweite Moment des Aufeinandertreffens, damit das Erinnern von längerer Dauer ist. Aber die Frage ist erlaubt: Ab wann ist das schwierig, gefährlich oder sogar schon krankhaft. Namens- oder Wortfindungsstörungen gehören wohl im Alltag dazu und sind nicht besorgniserregend, solange sie nicht ständig und bei engsten Vertrauten oder Tätigkeiten beginnen.

So, jetzt muss ich einkaufen, aber was nochmal?


Stefan Brackmann
stellvertretender Bundesgeschäftsführer
DIE FÖDERALEN

Quelle: Erlebnisbericht