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Erleichterung

Heute bin ich über meinen Schatten gesprungen

Stefan Brackmann, 17. Juli 2020 08:50 Uhr

Ich oute mich hiermit: Seit beinahe 40 Jahren bin ich Leser der WELT. Sie war mir über die Jahre immer ein treuer Begleiter. Neben dem Handelsblatt, zeitweise der Börsenzeitung, der Financial Times Deutschland (nur der Farbe wegen) und der FuW (Finanz und Wirtschaft).

Die WELT war für mich meistens die erste Informationsquelle des Tages. In Verbindung mit der WELT am Sonntag ein gern gesehener und gelesener Gast in meinem Haus. In den letzten Jahren habe ich auf die toter Baum-Variante zu Gunsten der Online-Ausgabe verzichtet. Nach dem Einstieg bei N24 sogar noch aufgestiegen zum Fernsehsender - und schon war das Rund-um-sorglos-Paket geschnürt.

Leider hat darunter m. E. die Qualität gelitten. Viele Dinge wurden nicht mehr hinterfragt, andere nicht sauber recherchiert. Anfangs fand ich z. B. das Trump-Bashing ja noch vertretbar, teilweise sogar lustig. Aber wenn man es einmal geschafft hat, sich aus der allgemeinen Meinungsblase zu entfernen oder sich dieser sogar zu entziehen, sieht es ganz anders aus. Entziehen, was für ein gutes Wort in diesem Zusammenhang, gleich mehr dazu.

Sicher gibt es bei dem Verlag/Medienanstalt? auch kritische Redakteure. Diese kommen aber immer weniger zu Wort oder schwimmen m. E. im Mainstream mit. Denniz Yücel ist vielleicht einer von ihnen, es wird aber aktuell mehr über ihn geschrieben als von ihm. Nicht zu vergessen Herrn Broder, der gerne mit seiner Meinung auch einmal aneckt.

Wenn dann noch Durchhalteparolen gepredigt werden, wie heute z. B. Unsere Redaktion wird weitermachen. Unerschrocken und in jede Richtung. Und das vom Chefredakteur persönlich, dann frage ich mich, was habt ihr denn in den letzten Wochen getan?

Ich fühlte mich vom Chefredakteur der WELT am Sonntag, Johannes Boie in seinem Kommentar vom 9. Mai dieses Jahres persönlich angegriffen. Verschwörungstheoretiker sind keine harmlosen Spinner, so die Überschrift. Meine daraufhin verfasste, freundlich gehaltene Mail war noch nicht einmal einer vielen Dank für ihre Einsendung-Rückantwort würdig.

Die Berichterstattung in den letzten Tagen über die angeblichen und unfassbaren Zustände auf Mallorcas Partymeile, die zum Teil mit Strandfotos aus der letzten Saison unterlegt waren (Sonnenschirme und Liegen gibt es nämlich dieses Jahr dort nicht.– Live-Cam sieht alles!). Glaubt man Augenzeugen, wurden selbst die Party-Exzesse gestellt, die dann übertragen wurden. Dies gilt für alle Medien in Deutschland.

Nun aber zum Thema Entzug. Ich bin mutig. Ich bin tapfer. Ich gehe da jetzt durch! Ich habe soeben mein Abonnement gekündigt. Und ich fühle mich gut und befreit.

Wenn ich demnächst unglücklich aussehen sollte oder noch dümmere Sachen schreiben sollte, sagt es mir bitte oder verzeiht es mir – es sind dann wohl Entzugserscheinungen.

Jetzt nur noch die GEZ…


Stefan Brackmann
stellvertretender Bundesgeschäftsführer
DIE FÖDERALEN

Quelle: Die WELT