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Mein Westen - Mein Osten

Unser Land?

Maren Zaidan und Stefan Brackmann, 3. Oktober 2022 05:00 Uhr

Ein Staat seit langem

Ein Grund zur Freude und zum Nachdenken! Wir schreiben das Jahr 2022. Deutschland ist längst geeint. Geeint und trotzdem Zweigeteilt.

25 Prozent der Jugendlichen, welche in diesem Jahr ihr Abitur in Ostdeutschland erhalten haben, fühlen sich laut einer aktuellen Studie immer noch Ostdeutsch. Geboren und aufgewachsen sind sie jedoch in einem längst geeinten Land. Was läuft schief? Was läuft gut!

Mein Westen:

Meine Heimat liegt tatsächlich “tief im Westen”, um einen bekannten Bochumer zu zitieren. Ich müsste sogar schreiben “noch tiefer im Westen”, stamme ich doch aus dem einzigen Ort an Rhein und Ruhr. Hier ist man herzlich und direkt. Das Wort Kumpel scheint hier in zweierlei Hinsicht passend zu sein. Das “Du” ist hier Standard, wer höflich sein wollte, war eher ausgeschlossen aus dem Kreis der Ruhrpöttler.

Der Osten lag weit entfernt. Ohne Verwandte in West-Berlin waren auch Reisen in diese Region kaum sinnvoll oder möglich. Erzählungen von Grenzübertritten machten die Runde Der “Tiger im Tank”, eine gebräuchliche Werbung zu dieser Zeit führte als Antwort auf Fragen der Zollbeamten zu einer längeren Verweildauer an der Grenze. Wurde doch das Auto danach eher als Bausatz wiedergefunden.

Während meiner Tätigkeit in den späten 80er-Jahren wurde es auf einmal ernst. Mein Arbeitgeber wollte den Aufbau Ost unterstützen und entsandte Mitarbeiter in die entsprechende Partnerregion. Es wurden Räume gesucht und nichts angemessenes gefunden. Die Führungskräfte kamen selbstverständlich von “uns”! Aus heutiger Sichtweise muss das Vorgehen der “Wessis” als überheblich bezeichnet werden.

Der Aufbau Ost verlief insgesamt schleppend. Viele junge Leute wollten mehr und schneller vorankommen. Eine große Wanderungsbewegung gen Westen setzte ein. Sie dauerte lange an und hinterließ große Lücken.

Mein Osten:

Bei Reisen in meine Heimat und Gesprächen nach Hause, da wo ich aufgewachsen bin, merke ich, was zuhause ist. Die Menschen sind warm. Menschen sind freundlich. Die Dialekte bringen einen zum Schmunzeln. Die Menschen sind ehrlich. Was im Westen längst nur noch mit wirklich vertrauten Gesichtern und hinter vier Wänden diskutiert werden kann, wird noch offen und ohne vorsichtige Blicke nach links und rechts auf der Straße besprochen. Masken gibt es, aber weniger. Tradition und etwas Stolz auf alles, was geblieben ist, wurde zurückgeholt. Es gibt mehr Ruhe und es scheint, als ist die Freude über kleine Dinge immer noch größer. Der Osten ist herzlich.

Gleichzeitig macht mich meine Heimat traurig. Die extremen Stimmen sind nicht abzustreiten, auch wenn man aufhören sollte, sie als “den Osten” darzustellen und die anderen zu überhören. Wir finden keine Lösungen in getrennten Wegen, Ausgrenzung und längst ausgedienten Konzepten. Verdrängen, was die alten Zeiten an Schlechten gebracht haben, bringt nichts. Der Frust über wirtschaftliche Niederlagen wird dadurch nicht besiegt. Der Westen sollte jedoch zuhören und erstmal verstehen, was die Menschen zu diesen Extremen brachte, bevor er nur mit dem Finger zeigt.

Unser Land?

Maren: Ich möchte keine Grenze mehr sehen, aber sie ist da. Die Menschen haben ihre eigenen Geschichten. Wenn ich Menschen, die beides wirklich noch erlebt haben, im Osten und Westen zuhören, kann ich manchmal nicht glauben, dass sie zur selben Zeit in einem heute vereinten Land gelebt haben. Diese Geschichten prägen und das merkt man den Erzählungen an. Die Geschichte hat Einfluss auf das, wie es weitergeht. Die Geschichte hat Einfluss auf das, was nachfolgenden Generationen mitgegeben wird. Ich kenne Menschen, die stolz auf ihre deutsch-deutschen Kinder waren. Vielleicht schafft das einen Ausgleich. Vielleicht schafft hin- und herziehen einen Ausgleich. Doch das sind Geschichten, die einfach passieren, wenn es so sein soll. Für mich ist tatsächlich beides Heimat geworden und beides nicht wegstreichbar. Der Westen ist weniger von Ängsten vor dem System beherrscht, aber vielleicht auch weniger hinterfragend? Andere kommen bis heute auf der anderen Seite nicht klar oder fühlen sich nicht wohl. Würden Sie sich wohl fühlen, wenn es nur eine andere Region wäre?

Stefan: Unterschiede sind gut und wichtig. Unterschiede fördern ein Miteinander (reden, entwickeln und handeln). Dadurch entstehen auch Innovationen, Zusammenhalt und eine gemeinsame Lebensgrundlage. Das sollte man immer bedenken. Wenn alles im Gleichklang, im Einheits-(sic!)brei zu einer undefinierbaren Masse verschmilzt, wem ist damit geholfen? Einheit ohne Gleichheit, Vielfalt statt verordnetes Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen den Raum, in dem man leben, atmen und sich wohlfühlen kann. Ein unterdrücktes Gefühl der Geborgenheit führt zu einem Unwohlsein, einer latent vorhandenen Fessel des eigenen Denkens und Handelns. Dies kann früher oder später aufbrechen und zu Situationen führen, die unsere Gesellschaft belasten.

Was wäre aber ohne die freundschaftlichen Seitenhiebe zwischen Köln und Düsseldorf oder zwischen Oberbayern und Schwaben gewonnen? Wie kann dieses Gefühl der Verbundenheit auch zwischen Münster und Leuna oder vielleicht den beiden Frankfurts funktionieren? Es muss wohl noch viel Wasser den Rhein runterfließen, bis man auch die Elbe oder die Oder in diesem Sprichwort wiederfindet. Bis man sich gegenseitig necken kann, ohne sich angegriffen zu fühlen.

Mittlerweile sind 33 Jahre vergangen, wir haben also noch 7 Jahre, um die Zeit der Trennung auch rechnerisch überboten zu haben. Möge eine freundschaftliche, auf gegenseitigem Respekt und Zuneigung bestehende Verbundenheit ein neues Selbstverständnis erwachsen, aus dem Innovationen und Zukunftsfreude hervorgehen.



Maren Zaidan und Stefan Brackmann
die Bundesvorsitzenden
DIE FÖDERALEN



Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/aufarbeitung-ddr-deutsche-teilung-wirkt-bis-heute-auf-jugendliche-25-prozent-fuehlen-ostdeutsch-li.269270