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Der heutige Lifestyle - Teil 2: Mode

Nicht auch das noch

Stefan Brackmann, 26. Juli 2020 14:50 Uhr

Von der Therapie zur Modeerscheinung

Hier geht es heute einmal um nichts Wichtigeres als um Mode. Keine Sorge, hier gibt es nicht die ultimative Farb- und Stilberatung. Ich weiß leider auch nicht, welche Farbe in der nächsten Saison auffällt, weil sie eben nicht auffällt oder vielleicht doch? Trendy, oder nennt man es heute hip, oder ist das schon so was von old-school?

Hier sind wir aber schon mitten drin, mitten drin im ewigen Fluss des neuen, des anderen. Sich abzuheben, weil man ja etwas anderes macht, kann oder weiß. Jede Zeit hat ihre Moden, davon macht die Sprache keine Ausnahme.

Wer kennt nicht so tolle Worte wie Lichtgrenze, Flüchtlinge, postfaktisch, Jamaika-Aus, Heißzeit oder Respektrente? Hat es da bei Ihnen (ich weiß immer noch nicht, ob ich hier nicht doch lieber euch schreiben sollte…) geklingelt? Spätestens bei Flüchtlingen fällt einem das Jahr 2015 ein. Genau das ist es, diese Worte waren Worte des Jahres, und zwar von 2014 bis 2019. Einige bleiben im Gedächtnis, andere wiederum hören sich irgendwie nichtssagend an oder sind mittlerweile völlig in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Diese Trends gibt es in allen Lebensbereichen. Es ist ein Kommen und Gehen. Meistens wird es dann auch noch schweinisch, wenn wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Da gibt es neue Sportarten, hier neue Spiele und so weiter. Das Ganze hört auch bei uns Menschen und unserem Verhalten in der Gesellschaft nicht auf. Da gibt es Trends, die sich gut anhören oder sogar anfühlen.

Einer dieser Trends ist es seit längerem, achtsam zu sein. Eigentlich ein Begriff aus der buddhistischen Lehre und in der Meditationspraxis anzutreffen. Warum hat sich dieses Modewort so stark verbreitet? Mehrere Ansätze können hier helfen. Achtsamkeit ist zum einen eher eine Beschäftigung mit sich selbst. Hier auf seinen Körper hören, ihn spüren, dort seine Gedanken beobachten, insgesamt aufmerksam durch den Tag gehen. Das ist für mich eine sehr individuelle Aufgabe und wird von jedem anders wahrgenommen und ausgeübt.

Zum anderen werden Achtsamkeitsübungen bei diversen Psychotherapien angewendet, insbesondere bei Depression—eine weit verbreitete Diagnose in der heutigen Zeit. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die Hautursache für eine Berufsunfähigkeit.

Gibt es hier etwa einen Zusammenhang? Ist unsere Gesellschaft zu einer Gesellschaft von Individuen, also Einzelkämpfern, geworden? Überfordert uns das? Es gibt so viele Single-Haushalte wie nie zuvor. Die Pflegebranche ist überlastet und wir vergessen, was früher wichtig war. Ein sozialer Zusammenhalt, sowohl in der Familie, der Gemeinde oder auf allen anderen Ebenen menschlichen Handelns.

Wer Achtsamkeit fordert, fördert weiterhin das Individuum und nicht den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft! Wenn dann auch noch social distancing geboten ist, dann ist das in meinen Augen der Sargnagel für unsere Gesellschaft, für unsere Fürsorge und Mitmenschlichkeit.

Zufälligerweise ist heute auch noch Sonntag. Also Zeit, darüber einmal nachzudenken.


Stefan Brackmann
stellvertretender Bundesgeschäftsführer
DIE FÖDERALEN

Quelle: Meine Gedankenwelt; GfdS (Gesellschaft für deutsche Sprache)