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Die elektronische Krankenakte

Effizienz versus Stigmatisierung

Maren Zaidan, 17. August 2020 19:34 Uhr

Das ganze medizinische System soll die Krankendaten gemeinsam speichern und abrufen.

Die elektronische Patientenakte ist beschlossen. Die Patienten können dem ganzen nicht mehr zustimmen, sondern müssen es ablehnen. Welche Daten einsehbar sind kann der Patient zumindest am Anfang nicht entscheiden, weil bereits hier technische Probleme eingeräumt werden. In der Vergangenheit gab es bereits Sicherheitsprobleme mit der Gesundheitskarte und Daten aus Studien. Ich frage mich heimlich was aus all den Bedenken aus dem Jahr 2013 geworden ist.

Viele Medien feiern die elektronische Patientenakte mit dem Argument der Digitalisierung und Effizienz. Die elektronische Patientenakte würde den Menschen auf dem Land, wo es weniger Ärzte gibt, helfen, besser versorgt zu werden. Alles wird schnell abrufbar und zugänglich sein. Doch auch Datenschutzbeauftragte bekommen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Gesetzes. Die Bedenken dieser gehen jedoch meiner Meinung nach nicht weit genug. Ich glaube nicht daran, dass Service-Terminals in den Krankenkassenstandorten die Lösung aller Probleme sind. An der elektronischen Patientenakte scheitert es nicht, weil nicht jeder ein Internetfähiges Gerät besitzt, es scheitert an den Verabeitungswegen, der Angreifbarkeit und den beteiligten Unternehmen.

Die Schweigepflicht der Ärzte und die Einsehbarkeit der Patientenakten für die meisten Arbeitgeber war auch in Deutschland immer heilig. Mit den Leaks von Edward Snowden wurde einigen Bürgern weltweit klar, welche Gefahren auf sie warten. Manche wurden leicht paranoid, andere gaben damals wie heute zur Antwort, dass sie nichts zu verbergen haben und ihnen ihre Privatsphäre egal ist. Die Sozialen Netzwerke haben gut vorgebaut und enthemmt. Wer selbst die peinlichen und langweiligen Teile seines Lebens postet, hat wohl keine Angst mehr vor dem Verlust der Privatsphäre oder versteht nicht, was das Verarbeiten von Mustern usw. bedeutet.

Ein amüsantes Beispiel ist die jugendliche Tochter, die Werbung für Schwangere erhalten hat. Der Vater beschwerte sich bei dem Anbieter eines Treueprogramms über den die Werbung kam. Schwangerschaftswerbung an einen Teenager war seiner Meinung nach eine Frechheit. Am Ende stellte sich heraus, dass seine Tochter schwanger geworden war. Ihr Kaufverhalten verriet dies bevor sie es selbst bemerkt hatte. Amüsant, aber auch beängstigend, oder?

Viele Patienten haben das Glück, nichts Bedenkliches in ihren Akten zu haben und selten krank zu sein. Erkrankungen kann sich aber niemand aussuchen und manche Erkrankungen haben keinen guten Ruf. Wenn bestimmte Daten an den Arbeitgeber oder andere, für einen wichtige Personen und Institutionen gelangen, kann dies problematisch werden. Viele Ärzte, Selbsthilfegruppen und Therapeuten arbeiten kontinuierlich daran, Menschen mit bestimmten Erkrankungen nicht mehr zu stigmatisieren und sie besser zu integrieren. Wenn mehr Erkrankungen legal, illegal oder zufällig bekannt werden, wird dies schwerer. Man beachte auch immer den Unterschied zwischen Vorurteilen, die offen ausgelebt werden und den Vorurteilen, die Menschen versuchen zu verstecken oder unbewusst haben.

Was nützen zum Beispiel Studien, in denen eigentlich gegen übertriebene Angst vor HIV-Patienten vorgegangen werden sollen und Aufklärungsprogramme über psychische Erkrankungen, wenn die Betroffenen nicht davor geschützt werden ihren Job oder ihre Privilegien zu behalten? Möchte der Patient, dass ein Arzt Daten abrufen kann, die vielleicht unangenehm sind und nichts mit der Behandlung seines Fachbereichs zu tun haben? Sollten Daten nicht weiterhin gezielt abrufbar sein?

Eine freiwillige Verbesserung der Situation durch die einzelnen Krankenkassen ist nicht genug. Es geht um den Schutz aller Patienten und diese sollten auch nicht die Krankenkassenwahl noch erschwert bekommen, indem sie sich ab jetzt mit den Datenschutzstandards beschäftigen müssen. Es ist schlimm, dass wir heutzutage nicht mehr genug Ärzte in den ländlichen Regionen haben, aber ich habe Zweifel, dass eine elektronische Patientenakte und Onlinesprechstunden bei dem Problem helfen. Haben wir auf dem Land nicht gleichzeitig das Problem der alternden Bevölkerung? Werden die älteren Menschen mit dem Arzt auf dem Tablet zurechtkommen, oder besitzen sie gar kein Tablet?


Maren Zaidan
Bundesvorsitzende der Partei DIE FÖDERALEN
Essen, den 17.08.2020